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Bike Odyssey 2019

Bike Odyssey 2019

24.09.19 07:41 46Text: NoBrainFotos: Bike Odyssey, NoBrain, Christian MeyerAlles andere als eine Irrfahrt - aber doch eine lange, mit Schwierigkeiten verbundene und abenteuerliche Reise. Team bikeboard.at berichtet vom neuntägigen MTB-Etappenrennen in Griechenland.24.09.19 07:41 2.745

Bike Odyssey 2019

24.09.19 07:41 2.745 NoBrain Bike Odyssey, NoBrain, Christian MeyerAlles andere als eine Irrfahrt - aber doch eine lange, mit Schwierigkeiten verbundene und abenteuerliche Reise. Team bikeboard.at berichtet vom neuntägigen MTB-Etappenrennen in Griechenland.24.09.19 07:41 2.745

Begonnen hat alles im September 2018 in Prag bei einem Briefing für ein ganz anderes Etappenrennen. Ich lauschte mit Laurenz, meinem damaligen Race-Partner, den Ausführungen der Veranstalter, als ein Typ, den ich 2015 in Ligurien kennen gelernt hatte, sich neben uns setzte: Christian Meyer. Noch in Tschechien keimte die Idee, 2019 gemeinsam mit Christian ein Rennen in Angriff zu nehmen.
Nach gründlicher Recherche entschieden wir uns für die Bike-Odyssey am Festland von Griechenland: neun Tage im Pindos Gebirge - ein Teil von Griechenland, den man sonst wahrscheinlich nicht so schnell kennenlernt, weil abseits der Strände und nicht auf einer der 1.000 Inseln.

Neun Monate später: Wir sitzen im Shuttlebus nach Smixi, dem Startort. Der Treffpunkt war schon um 5 Uhr Früh beim Fahrradgeschäft “Bike Expert” in Athen. Der Bus sammelt auf dem Weg 'gen Norden immer wieder Mitstreiter ein. So brauchen wir statt der erwarteten sechs Stunden neun Stunden, um mitten im Pindos Gebirge zu landen.

 620 km, 19.800 Hm, 9 Tage, 57 Dörfer 

Die harten Fakten rund um die Bike Odyssey-Strecke 2019

Schon in der griechischen Mythologie ist das Pindos Gebirge ein Begriff, gilt es doch als einer der Orte, an dem sich die Musen um Apollo versammelten. Ich hoffe, durch den Kuss einer Muse nicht nur künstlerisch inspiriert zu werden, sondern auch zusätzliche Kräfte für die nächsten neun Tage zu bekommen.
Konditionell sollte es mir dann beim Rennen tatsächlich sehr gut gehen; ob das einer nächtlichen Schmuserei mit einer Muse oder dem guten Wintertraining geschuldet ist, sei dahingestellt.

Das Pindos Gebirge erstreckt sich von Albanien mehr als 150 Kilometer nach Süden und endet dort ganz in der Nähe des Mittelmeeres, am Golf von Korinth. Auch der älteste Baum Europas, eine 1.075 Jahre alte Panzerkiefer, fristet seit dem Jahre 941 dort sein Dasein.
Der höchste Punkt des Gebirges ist der Smolikas mit beachtlichen 2.632 Metern. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass man rund um Smixi Skilifte vorfindet. Auch später, z.B. am Weg nach Kalliroi, werden wir wintersportliche Aufsteigshilfen passieren.

Smixi ist ein kleiner Ort auf 1.220 Meter Seehöhe. Dort findet noch am Anreisetag ein kurzer Prolog statt. Der kleine Rundkurs liegt uns, wir sind die Schnellsten! Allerdings trennen uns nur 13 Sekunden vom griechischen Team AVRA. Suvatzoglou Grigoris und Kourmpetis Anestis sollten sich in den nächsten Tagen als das einzige Team heraus stellen, dass eine zu harte Nuss für uns darstellen wird.

Luxuriös oder spartanisch, lang oder kurz

Die Odyssey ist sehr gut organisiert. Für die Teilnehmer gibt es unterschiedliche Pakete zu buchen. Das “Super-Package” bietet eine Rundum-Versorgung: Unterbringung in Hotels oder vergleichbaren Zimmern, Bustransfer von und nach Athen, ein Radservice nach jeder Etappe und vieles mehr.
Wir entscheiden uns für das Standardpaket und zahlen dann für zusätzliche Leistungen, wie etwa den Bustransfer und Zimmer in Privatquartieren auf. Wer das alles nicht will, bekommt von der Organisation geeignete Plätze zum Schlafen zur Verfügung gestellt – Campingausrüstung ist in diesem Fall unbedingt mitzubringen. Man kommt zwar ohne Zelt aus, wer in großen Schlafräumen nicht gut schläft, sollte aber seine eigenen vier mobilen Wände dabei haben. Auch für das Frühstück muss man dann selber sorgen.

Der gesamte Event besteht aus drei unterschiedlichen Rennen: Das “4 Days North Race”, das “4 Days South Race” und das “9 Days Race”. Die Vier-Tages-Bewerbe sind außerdem UCI-Rennen. Dieser Umstand lockte heuer Teams aus rund zehn Nationen an, zum UCI Event kamen Mannschaften aus Griechenland und Japan. Insgesamt waren rund 60 Paarungen am Start.

Start und Ziel sind immer in, oder zumindest nahe bei den Ortszentren. Dort findet man auch jeweils den mitgereisten Mechaniker sowie die Locations für die Briefings, Ehrungen und Tagesreviews. Auch die Pastapartys nach den Etappen steigen meist unmittelbar neben dem Zielbogen in kleinen Tavernen.
Dadurch kleben die Teilnehmer und die Organisatoren förmlich aneinander, ein rasches Kennenlernen erfolgt fast wie von selbst. Am Abend in der Taverne sitzen die griechischen Nationalteams oft am Nachbartisch. Der ehemalige Marathonweltmeister Periklis Ilias erklärt mir dann auch gerne die örtlichen Köstlichkeiten und hilft mir bei der Aussprache, damit ich dem Kellner meinen Wunsch weitergeben kann.
An einem anderen Tag empfiehlt uns eine Fotografin ein besonderes Eis vom Restaurant um die Ecke, das aus Ziegenmilch hergestellt wird. Angeblich wird diese Leckerei nur in der kleinen Ortschaft Athanasios Diakos produziert - sehr empfehlenswert!

Infernaler Auftakt

Aber halt, war da nicht noch etwas zwischen den Gesprächen und den lokalen kulinarischen Köstlichkeiten? Ach ja, die erste lange Etappe zum Beispiel!
Die Beschreibung im Roadbook las sich recht einfach: Asphalt und Schotter wechseln sich bergauf und bergab ab.
Im Wesentlichen erwarteten uns fünf lange Anstiege, die uns auf fast 1.900 Meter über dem Meer brachten. Die Landschaft präsentierte sich saftig grün, immer wieder Flußdurchfahrten. Die Flüsse führten erstaunlich viel Wasser. Wir passierten viele Schafherden, nicht alle Hirtenhunde waren froh über ungebetene Gäste. Die Hirten hatten alle Hände voll zu tun, ihre treuen Begleiter im Zaum zu halten.

Das Gelände war nicht sehr technisch, aber es gab immer wieder Straßenschäden und kaputte Wege, wodurch auch eine Abfahrt auf Asphalt mitunter zur Herausforderung wurde. Die Schotterstraßen - Karrenwege trifft es besser - waren mit großen, spitzen Steinen übersäht. Drei Durchschläge von Christian gleich am ersten Tag sprachen eine eindeutige Sprache.
Gegen Mittag zogen Wolken auf und es begann zu donnern. Was dann kam, werde ich lange nicht vergessen! Wir waren gerade auf einer unbewaldeten Alm, als uns das Gewitter so richtig erwischte: Blitze im Sekundentakt, die dazugehörigen Donner ließen selten länger als zwei Sekunden auf sich warten. Die Hagelkörner prasselten auf meinen Helm. Der dadurch entstehende Lärm störte mich fast mehr als die Schmerzen am Rücken und an den Armen durch die 1.000 Nadelstiche der Hagelkörner. Unterschlupf gab es hier oben keinen. Also Kopf runter und durch!

Irgendwie brachten wir die folgende Stunde hinter uns, und allmählich ließ das Gewitter nach. Wir waren nass bis auf die Knochen und mir war ziemlich kalt. Genau in diesem Moment hatte Christian seinen dritten Defekt. Als ich stehen blieb, begann ich so zu zittern, dass ich nicht mal mehr beim Schlauch wechseln helfen konnte. Wir beschlossen, dass ich langsam weiterfahren solle, um nicht zu erfrieren. Allerdings konnte ich kaum noch den Lenker halten.
Die Organisatoren hatten zwischenzeitlich den Ernst der Lage erkannt und "Plan B” gestartet: nach unterkühlten Rennfahrern Ausschau zu halten und diese, wenn nötig, im Auto zu bergen. Auch ich wurde gefragt, ob ich Hilfe benötige. Weil ich ein alter Sturkopf bin und nicht disqualifiziert werden wollte, verneinte ich. Irgendwann war Christian wieder bei mir und brachte mich sicher ins Ziel. Dort wurden wir zu unserem Komfortzimmer geführt und ich durfte eine halbe Stunde heiß duschen - und alles ward gut!

Schön, schöner, Plastira

Die zweite Etappe führte uns durch wunderschöne Landschaften und über zum Teil abenteuerlichen Trails nach Pyli. Flußquerungen gehörten mittlerweile zum daily business. Unsere ebenfalls täglichen Begleiter, die Unwetter im Phindos Gebirge, ließen dieses Mal bis zur Siegerehrung auf sich warten.
Schön langsam fanden Christian und ich uns besser zurecht. Nicht immer darf man in Griechenland mit "deutscher Pünktlichkeit” rechnen, nicht immer ist alles deppensicher auf Schilder gemalt. Wir besannen uns auf Altbewährtes: andere fragen, sowohl Organisatoren, als auch Mitstreiter. Irgendwer weiß immer Bescheid und teilt sein Wissen gerne mit Hilfesuchenden.

Der erste lange Anstieg der dritten Etappe hielt für uns eine Besonderheit parat: Die zwei griechischen Nationalteams samt Ex-Weltmeister überholten uns, griechische Lieder singend. Auf die Frage, ob ihnen langweilig sei, meinten sie nur: "Nein, aber Periklis hat nächste Woche Geburtstag und wir singen ein Lied für ihn.” Keien Spur von Überheblichkeit, nur Frohsinn und Lebensfreude.
Der Zielort Kalyvia lag auf rund 800 Meter am wunderschönen See Plastira. Hier gibt es geführte MTB Touren, wie uns ein Flyer verriet. Und: Wir durften in einem Resort nächtigen, in dem ich sonst aus Kostengründen nicht buchen würde.

 Kanadische Weiten, bildhübsche Berge und nirgends ein Zeichen von Zivilisation 

Am See Plastira

Zu Beginn der vierten Etappe ging es um den See Plastira. Nach den ersten Anstiegen wurden wir von Aussichten belohnt, die mich an Kanada erinnerten: endlose Weiten, nirgends ein Zeichen von Zivilisation. Wir fuhren wieder viel auf Karrenwegen, erneut nicht besonders tricky, aber defektanfällig. Stets musste man somit auf Steine, Disteln und Dornen achten. Mit 115 km und 3.895 Hm war diese Etappe die Längste. Angesichts dieser Eckdaten war ich dann auch froh, dass es oft "rollte”.
Wie auch schon die letzten Tage war Chris, der Chef der Odyssey, mit seinem Motorrad immer um uns. Wie ein Hirtenhund hielt er seine Schäfchen zusammen und gab uns auch mal sein Wasser, weil die letzte Labe noch nicht fertig aufgebaut war, als wir dort vorbeifuhren. Auch am vierten Marathon-Tag durchqueren wir gefühlte 1.000 Flüsse. Das Highlight der Etappe war für mich jedoch der Zielort Krikello - ein kleines Bergdorf mit einem sehr schönen Dorfplatz. Kirche, Tavernen, Kaffeehäuser, alles an einem Fleck.

Da traf es sich umso besser, dass dieses Idyll für die nächsten zwei Tage zum Mittelpunkt der Bikeodyssey wurde, denn die fünfte Etappe bestand aus einem kurzen Teamzeitfahren. Bergzeitfahren trifft es dann wohl eher, denn der Start befand sich 300 Höhenmeter unterhalb des Ortes. Diese durften wir dann in gestürzter Reihefolge des Klassements zurück nach Krikello hinauf hetzen.
Dieses Mal waren wir in einem nettem Zimmer in einer kleinen Herberge untergebracht. Der "Beinahe-Ruhetag” schaffte die Möglichkeit, Bekanntschaften zu vertiefen. Fast täglich aßen wir mit sechs Burschen aus Bayern zu Abend, oder tranken gemeinsam ein Bier gleich nach der Zieleinfahrt. So auch in Krikello. Immer wieder überraschte uns das Sextett mit Berichten von abenteuerlichen Reisen, oder gaben interessante Buchtipps.

Ganz oben

Die sechste Etappe war geprägt von langen Anstiegen und Abfahrten. Nach einem verhaltenen Start fanden wir sehr gut unser Tempo und schafften es, uns an der Spitze des Feldes zu platzieren. Der letzte Anstieg, grob, steil und lang, kam uns entgegen. Wir überquerten als erster die Ziellinie, yipiyeah!

Die siebte Etappe führte uns schließlich aus den Bergen zurück in die Ebene, die wir Tage zuvor mit dem Bus Richtung Smixi verlassen haben. Hier waren die Temperaturen wieder "typisch” griechisch. 40-42 Grad Celsius. Nach einem sehr technischen Downhill ging es 25 Kilometer ziemlich flach in der Gluthitze Richtung Kato Tithorea. Der Empfang des örtlichen Radclubs war einmalig. Überall an der Straße Helfer, im Ziel Selbstgebackenes zur Labung.
Die achte und zugleich letzte Etappe bestand aus einem Rundkurs mit Start und Ziel in Kato Tithorea. Schon alleine aufgrund der Hitze reichten uns die nur 43 Kilometer an diesem Tag völlig. Tagesrang 2 und auch im Endklassement Platz 2 war uns nicht mehr zu nehmen. An zwei Tagen konnten wir die Jungs vom Team AVRA schlagen. In Summe waren sie aber konstanter und schneller als wir - würdige Sieger der Bike-Odyssey 2019!

Mitterweile bin ich schon wieder seit ein paar Wochen in Wien. Immer noch denke ich gerne zurück an Griechenland im Juni. Ich kann nur eine wärmste Empfehlung für das Rennen abgeben. Auch wenn wir anfänglich etwas überrascht waren über nicht immer vorhandene Listen, Schilder und Zeichen, sind wir sehr schnell in den griechischen Lebensstil eingetaucht. Man muss nicht immer alles für jeden vorkauen. Überlegt haben sich Chris und sein Team sowieso immer alles, darum hat auch immer alles geklappt. Und … ein bisschen selbständiges Denken schadet niemandem!


Ergebnis 1 bis 3 von 3
  1. #1
    früher mal Weltmeisterin Avatar von NoMan
    User seit
    Apr 2002
    Ort
    Wien Süd, gelegentlich Bad Hall (OÖ)
    Beiträge
    1.795

    Bike Odyssey 2019

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  2. #2
    Benutzter Avatar von ventoux
    User seit
    Jun 2004
    Ort
    Neuhofen an der Krems
    Beiträge
    2.300
    Thx für den Bericht.
    Hört sich fein an. Schade das es nur einen Teammodus gibt
    Target 2019:

    Sportful Dolomiti Race
    24h Grieskirchen
    Transalp
    Montafon M3
    .....

  3. #3
    Zitat Zitat von ventoux Beitrag anzeigen
    Thx für den Bericht.
    Hört sich fein an. Schade das es nur einen Teammodus gibt
    Wenn keiner deiner Freunde mit dir fahren will, gibt es auf der Homepage die Möglichkeit einen Partner zu finden -> Registration/Find a Teammate